Leben mit Geflüchteten in Ovenhausen 

Am 15. Januar 2016 kamen die ersten Familien aus Syrien und dem Irak in unser Dorf. Die leerstehende ehemalige Grundschule war noch nicht ganz für die Ankunft bereit; zwar waren die baulichen Maßnahmen abgeschlossen, die Klassenräume durch Wände geteilt, eine Küche mit drei Kochstellen im Keller eingerichtet und Container mit Duschen an das Gebäude angeschlossen. Aber die Zimmer waren nur sehr notdürftig mit Betten, Stühlen und Tischen ausgestattet und der Bauschmutz noch nicht beseitigt.
Weil niemand etwas Genaues wusste, gab es im Vorfeld viele Befürchtungen und Ängste, was der zu erwartende Zuzug für die Gemeinde bedeuten würde. In mehreren vorausgegangenen Versammlungen hat sich aber eine Gruppe von 15, überwiegend Frauen gefunden, die bereit waren, sofort, wie auch immer nötig, Hilfe zu leisten.
Am 16. Januar 2016 wurde in nur einem Tag eine unglaubliche Menge an warmer Kleidung, Bettwäsche, Geschirr, Töpfen, Pfannen und Spielsachen aus dem Dorf gespendet. Und so wurden innerhalb kurzer Zeit die Zimmer wohnlich, neu eintreffende Familien wurden empfangen, mit allem Notwendigen ausgestattet und ein erstes „Beschnuppern“, Namen austauschen und Verständigen mit Händen und Füßen begann. Im Laufe der ersten Wochen verkleinerte sich die Betreuergruppe, aber der Austausch mit den Geflüchteten, die gesundheitliche (eine Krankenschwester und im Hintergrund ein Arzt gehörten zum Team) und persönliche Betreuung wurde schnell sehr intensiv und vertraut. Besonders die Kinder flogen den Betreuern regelrecht zu.
Die Bewohnerzahl wuchs auf 63 an, das bunte Gemisch von Menschen aus Syrien, Irak, Iran und Albanien, von Jesiden, Muslimen und Christen sorgte manches Mal für gespannte Stimmung. Die Enge des miteinander zu teilenden Raumes, die Verpflichtung, die Schule sauber zu halten, den Müll zu trennen, ebenso.
Die Betreuer haben sofort nach ihrer Ankunft mit dem Deutschunterricht begonnen erst zweimal, dann dreimal in der Woche, in einem großen Raum neben der Küche. Männer, Frauen und größere Kinder waren die Schüler, für die kleineren Kinder kamen zwei Frauen mit einem großen Korb voller Spiel- und Malsachen und hielten damit besonders den Frauen den Rücken frei zum Lernen. Und schon nach erstaunlich kurzer Zeit war eine einfache Kommunikation auf Deutsch möglich.

Auch von Anfang an dabei war der Sportverein, mit Lauf- und Fußballangeboten. Die Männer und größeren Kinder waren schnell Teil der Mannschaften. Der Radius der Ausflüge ins Dorf wurde größer, sie saßen oft im Free-net-Bereich neben dem Gemeindehaus zum Telefonieren und erste vorsichtige Gesprächsfäden in die Nachbarschaft wurden geknüpft.
Die Spendenbereitschaft im Dorf war nach wie vor groß, diesmal ging es mehr um gemütlichere Möbel und Fahrräder (die von einem technisch versierten Rentner immer wieder repariert wurden!) und Gartengeräte für einen großen, wilden Garten am Dorfrand, der den Schubewohnern zur Nutzung zur Verfügung gestellt wurde.
Als dann am 21.8 2016 das Pfarrfest anstand, wurde dieser Anlass in 2facher Hinsicht genutzt: Einige Frauen der Betreuergruppe haben eine Infowand mit Fotos und Informationen über die zugezogenen Familien gestaltet und so eine Möglichkeit geschaffen, sich auf diesem Wege mit Namen, Herkunftsland, Berufen und vor allem der Fluchtgeschichte vertraut zu machen.
Und die Frauen aus Syrien, Irak, Iran und Albanien haben mit Spezialitäten aus ihrem Heimatland ein Mittagsbuffet gezaubert, das eine wahre Augen- und Gaumenfreude war und bis auf die letzten Krümel verspeist wurde. Mitten zwischen den Köstlichkeiten stand ein großes Schild: „Danke Ovenhausen“! Und die Ovenhausener dankten es wiederum mit einer reichlichen Geldspende für den Genuss.

Beflügelt von der guten Stimmung wurde im Herbst noch ein mehr internes Fest mit Essen, Kinderspielen, Musik und Tanz in der Schule gefeiert. Aktionen wie ein gemeinsamer Theaterbesuch in Bökendorf, Äpfelpflücken und Gartenarbeit haben immer wieder etwas wohltuend Gemeinsames über das Trennende der bunt gemischten Bewohnergruppe zu stellen versucht. Aus dem Garten wurde dabei ein richtiges Gemüseparadies mit einer schönen Grillstelle und im nächsten Jahr kamen noch ein Gewächshaus, ein Weidentipi und ein Sandkasten für die Kinder dazu.
Seit Ende 2017 schon hat sich die Anzahl der „Schulbewohner“ ständig verringert.
Einige Familien haben die Anerkennung bekommen und wohnen in eigenen Wohnungen, einige sind im Zuge von Familienzusammenführungen oder aus anderen Gründen in andere Unterkünfte gezogen.
Die Familie aus Albanien musste mit ihren vier Kindern wieder zurück in ihre Heimat. Das 4. Kind, Ronaldo, wurde hier geboren und in unserer Kirche getauft. Er war eines „unserer“ drei neuen Babies. Der Abschied war für alle schmerzlich, aber der Kontakt besteht weiter. Viele Bewohner nehmen jetzt an offiziellen Deutsch- oder Integrationskursen teil, nahezu alle können sich gut verständigen und anfallende Probleme selbst lösen. Doch trotzdem ist das Leben für sie hier nicht leicht, das Heimweh nach vertrauter Sprache, nach den Familienmitgliedern, Brauchtum, Klima und dem so anderen orientalischen Leben ist oft gegenwärtig. Davon bekommen die Betreuer jetzt vermehrt durch die bessere Verständigung eine Ahnung. So hat sich die Betreuung vom anfänglichen Versorgen mit notwendigen Dingen gewandelt in ein Begleiten, um hier in unserer Kultur Wurzeln zu schlagen. Alle haben viel voneinander gelernt in der Zeit. Die anfänglichen Bedenken im Dorf haben die Geflüchteten durch ihr freundliches, lernbereites Verhalten weitgehend zerstreut. Eine natürliche Neugier auf beiden Seiten hat gegenseitige friedliche Erfahrungen möglich gemacht.
Also, eine spannende Sache, das Leben mit Geflüchteten.
Anfang März 2019 ist das vorläufige Ende der Unterbringung der Geflüchteten in unserer Schule erreicht, nach fast genau 3 Jahren.
Die letzten zwei Familien aus dem Irak mit zwei und drei Kindern haben ein neues Zuhause gefunden: eine Familie in der neu gebauten Unterkunft in Höxter und die andere Familie in einer kleinen Wohnung in Ovenhausen.
Die Schule, mit allen getätigten Um- und Anbauten, mit den unzähligen Stunden von Betreuung und Unterricht, hat ihre Türen geschlossen. Sie bleibt im Hintergrund für eventuelle neue Flüchtlinge.
Für die ehemaligen Schulbewohner steht jetzt im Vordergrund eine Arbeit zu finden, eine Ausbildung zu machen, die Deutschkenntnisse immer weiter zu verbessern, Geld zu verdienen, um auf eigenen Füßen zu stehen und eigene Fähigkeiten hier in der neuen „Heimat“ einzubringen. Nicht zuletzt, um eine dauerhafte Bleibeperspektive zu haben.

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